Die Reise nach Val Verde, Teil 4 (letzter Teil)

Nun Val Verde Airport war Hellhole, aber doch nicht so Hellhole, wie ich gedacht hatte [1]. Ich schaffte es zügig zum Domestic Terminal zu gelangen, zum Terminal der Fluglinie zu gehen, die in der gesamten EU aufgrund von Sicherheitsbedenken keinen Flughafen anfliegen darf und schaffte es irgendwie mit Händen und Füßen zu erklären, dass ich jetzt bitte meinen Boardingpass für mein Ticket haben möchte.

Zu diesem Zeitpunkt etwa seit 60 Stunden ohne Schlaf. Und ohne Dusche, auch. Etwas Zeit alles zu mustern. Und so nach ca. 2 Stunden kam ER. ER sah halt ungefähr von 100 Metern Entfernung aus, WIE EIN DEUTSCHER TOURIST HALT SO AUSSIEHT. Ich meine er hätte sich eigentlich nur noch ein Schild an die Stirn pappen müssen mit „Tach, ich bin Deutscher, bitte rauben sie mich aus.“

Und da muss ich ja sagen, nicht alle, aber viele Deutsche im Ausland ERKENNT MAN AUF 100 METER GEGEN DEN WIND.

  1. Deutsche im Ausland sind eigentlich fast immer beschissen und geschmacklos gekleidet
  2. Deutsche im Ausland benehmen sich fast immer auffällig und deutsch
  3. Deutsche im Ausland fallen immer, auch optisch, so aus der Reihe wie ein Neger auf einer Tagung vom Ku-Klux-Klan.

Oder vielleicht… die die einem auffallen, gell? Die anderen halt nicht. Ich bilde mir ein, die erste Lektion des „How not to be seen“ erlernt zu haben. Ich hatte halt auch vorher zugesehen mich unauffällig zu kleiden; besser mal ein paar Tage nicht rasieren, etc.; kurzum, ich sah halt ein bisschen abgefuckt aus. Halt so abgefuckt, dass man vielleicht nicht unbedingt wirkt, als „wolle man Rose kaufe“. Aber halt auch nicht total abgefuckt, wie mit `nem verschissenen Wanderrucksack wie ein Backpacker. Sicher, ich bin da nicht Experte. Es gab da zum Beispiel diesen Russen, also da hätte ich mich selbst als hauptberuflicher Schurke nicht drangetraut (und ja, wir reden hier von der „Weltelite“ des Drehrumdiebolzenengineering. Typen gibt’s da…).

So getze schreibe ich die ganze Zeit hier, aber die Beiträge heißen ja auch, die Reise _nach_ Val Verde, nicht _in_ Val Verde. _In_ Val Verde habe ich nämlich im Wesentlichen vier Dinge gesehen.

  1. Gitter

  2. Noch mehr Gitter

  3. Wachhunde

  4. Und noch mehr Wachhunde

Hotel bewacht mit Mauer drumherum, im Bus zum Kongresszentrum in der Mitte der Stadt, im Bus vom Kongresszentrum zur Mensa, von der Mensa im Bus zum Kongresszentrum, vom Kongresszentrum zum Hotel. Nachts bloß nicht aus dem Hotel. Vorsicht überall. Am zweiten Tag kamen die irgendwie mit so einem 1960er Jahre Schrottbus an. Werden wir von jetzt an benutzen, weil so ein moderner Bus von MAN… zu auffällig.

An einem Abend, der italienische Postdoc geht runter zur Lobby eine rauchen, der Securityguy zieht `ne Kippe ab (der Securityguy zog immer `ne Kippe ab), und der Italiener kommt ins Gespräch. Valverdische Frauen seinen ja durchaus hübsch. Worauf der Securityguy so: „Ja stimmt, willste vielleicht eine?“ Und der Italiener so hm, labert der jetzt nur, oder? Und so zum Test: Ja auf jeden, kannst Du vielleicht? – und der Securityguy zückt sein Handy, um dem Italiener `n paar Nutten aufs Zimmer zu bestellen, doch da greift der Italiener doch ein und schlägt das Angebot aus.

Ansonsten… man wird ja zum Japaner im Ausland … bot das Essen und die Küche nicht genug kulinarische Ausgefeiltheit und lokale Spezialitäten. Ziemlich langweilig, hatte einfach mehr erwartet. Weitere Erfahrungen meinerseits mit der Küche Val Verdes kann man hier nachlesen. Ansonsten kurz hier ein paar Stichpunkte, Austausch mit Kollegen des Fachs und so.

  • Italienischer Postdoc, mittlerweile in Frankreich tätig: „There is no hope for Italy. The only hope for Italy is to bomb it down to ashes and rebuild everything from scratch. „
  • Er war auch bekennender Kiffer und meinte, dass würde ihm zu mehr mathematischer Kreativität verhelfen. Hörte ich zum ersten Mail; mein Eindruck (also von außen, ich bin da wie Bill Clinton frei von jeglicher Schandtat) war immer, dass sich das mit ernsthaftem Arbeiten und Mathematik nicht verträgt.
  • Interessanterweise war sein Paper in einer ähnlichen Richtung wie meins, und seins war kreativ, und meins halt mit der Brechstange.
  • Domestic Conferences in Japan waren oft totlangweilig, weil sich die Japaner auch nach dem offiziellen Teil beim Bier _nur_ über Arbeit unterhalten haben. Gerade bei dieser Konferenz – und vielleicht auch aufgrund des Klientels, welches sich ja immerhin nach Val Verde traute – unterhielt man sich, wie es sich gehörte, nach der Arbeit über die vier S. Auf der anderen Seite ist mir auf den japanischen Tagungen auch klar geworden, dass die wirklich für ihre Arbeit leben – Berufung statt Beruf – und ich halt nicht.
  • Chicks heiß, aber nur so bis ca. 35. Danach unglaublich verbraucht und fett.
  • Unter allen Konferenzteilnehmern herrschte einhellig die Meinung, das Fahren eines New Beetle sei unmännlich
  • Wenn man threaded code schreibt und in ein Softwareprodukt einbaut, sollte man Zufallsevents mit einbauen. So kann ein Kunde fehlerhaftes Verhalten nicht reproduzieren, und man ist fein raus aus der Sache, und muss den Sch*** nicht debuggen. Der Aufwand, Fehler bei threaded code zu suchen, macht jedes Projekt unrentabel.
  • Ok, obiges war als Scherz gemeint.
  • So hoffe ich.
  • Denn der Typ war von einem namhaften, großen Unternehmen, dessen Produkt nach meinen Stats ca. 75% von Euch momentan nutzen.

Tjo. Ansonsten noch kurz zur Rückreise. Raus ging es erstaunlich problemlos, ich hatte Schlimmeres befürchtet – Drogenscreenings, Koffer aufstechen, Röntgen etc. Einreise in die USA problemlos, diesmal aber ein Redneck, der seine Südamerika-Klientel offenbar kannte, ich passte nicht ganz ins Schema. Was ich denn gemacht hätte, in Val Verde? Drehrumdiebolzenengineering. „So `ya buildin`a terminator for the dictator, eh?“ „Nein, Sir, nicht Sir, rein wissenschaftlich Sir.“ Und wurde dann doch reingelassen.

Wieder eine Nacht auf der Parkbank, und dann.

Einchecken per Automat ging natürlich wieder nicht. Auf der Rückreise war ich diesmal nicht allein, auch entfernt bekannter $Japaner musste zurück, und unsere Connections waren zu mindestens teilweise überlappend. Er war aber irgendwie schon in Val Verde durchgecheckt worden, mir wurde gesagt, dies sei nicht möglich. Haha.

Und der Flieger kam. Und die Schalter machten um 6:15 auf, und um 7:15 ging mein Flieger, und Stau bei Security. Und Schlange bei Check-In Schalter.

6:30…

6:45… Ich drängle mich höflich am Schalter vor, und winke noch kurz $Japaner zu, dass er nicht auf mich warten soll, und womöglich seine Connection verpassen möge. Der Check-In Agent mustert mich. Ich erkläre kurz die Situation. Der Agent sagt erst mal nichts. Schaut sich mein Flight-Schedule an. Fängt an zu reden.

In der tuntigst-schwulen Art ever to be encounterd.

Aber nett.

Agent: Ohmygod. Who _did_ that to you?

Master-Chief ist verdattert ob der Anschwulerei. Aber ich bin nicht homophob, im Gegensatz zu Herrn S. Vielleicht springt ja `was für mich raus.

Master-Chief: „You should see the whole thing. With the domestic connections in Val Verde and Japan.“

Agent: The internet did that hm? You poor thing… Let me see… maybe I can reroute you via $absolut geile Connection, so dass statt $Airport1 –> Taxi –> $Airport2 einfach $Airport2.

(sieht, wie ich $Japaner ein Zeichen gebe, er möge in der Security fortschreiten)

Also dazu muss man sagen, es handelte sich hier um einen japanischen Mann. Ja, so einen.

Wir verstehen uns. Dem Check-in Agent fehlten diese Kenntnisse. Der dachte was anderes.

Agent: Oh is that your … colleague? Are you travelling … together?

Master-Chief: Well kind of, yeah, but…

Agent: Ooooh, I see. Well I could give you a seat on a flight to $Airport2. How would that be?

Master-Chief denkt, es sei besser, ein bisschen mitzuspielen, zu versuchen, zu flirten, oder zu mindestens nett zu wirken. Sofern das vom Zustand überhaupt möglich war.

Master: That would be AWESOME.

Agent: Ohohoh hahaha hihihi. Yes that would be awesome, right [2]. But your colleague would probably hate me for that.

Master-Chief denkt: Aha, da geht die Reise hin. $Japaners Schicksal geht mir im Moment aber am Arsch vorbei. Und außerdem hat der eh schon eingecheckt, und sein Gepäck ist sicherlich schon im Flugzeug. Und ich _will_ den anderen Flug.

Master: „Yeah, but I’d love you. “

Agent muss herzhaft lachen.

Bingo, das war der Trigger. Kostenlose Umbuchung, Flug 1h später, kein lästiges Hetzen durch die Stadt – YEAH BABY. Mein Tag gerettet. Moral von der Geschichte? Nicht-homophobe haben manchmal mehr vom Leben. Herr S.!

Okok, beim Lesen: Der Dialog war vielleicht witziger in echt. Lest ihn einfach noch mal laut vor, mit so’ner richtig tuntigen Stimme. Also für den Agent, nicht für den Master-Chief. Für den Master-Chief wählt eine sonore, männliche Stimme, noch zehnmal cooler als wenn Clint Eastwood in Firefox „Ednja Rakjeta“ sagt.

Tja, Flug nach Tokyo ohne große Events. Höchstens, dass ich in Tokyo fast im Terminal den Anschlussflug verpasst hätte, weil ich nach über 60 Stunden ohne Schlaf einfach eingenickt bin. Fazit: Ich bin auf jeden Fall total froh, mal in Val Verde gewesen zu sein.

Und nie wieder hin zu müssen.

[1] Also ich rede von dem Flughafen, von dem Coolio mit bewaffnetem Wachschutz abgeholt wurde.

[2] Seriously, is „awesome“ way too colloquial in such a situation? My spoken English is too much derived from conversations with non-native speakers, Hollywood movies, and the internet, I guess.

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2 Antworten to “Die Reise nach Val Verde, Teil 4 (letzter Teil)”

  1. coolio Says:

    Nu gut, das mit dem New Beetle sei dir nochmal verziehen, weil ich ihn (sie?) eh meistens nur für wochenlange Aufenthalte in die Werkstatt fahre, was unser Verhältnis letztendlich irgendwie belastet hat: „Spring an, du verdammte *##$%^&#-Karre, oder ich #@*&^% dir einen )&^%#$@$ in den %^&*&*%#@#!!!!“ Aber ich fürchte fast, auch mein neues Auto wird dir nicht wirklich gefallen…….

  2. Herr S. Says:

    Sehr geiler Artikel! Ich hab mich weggeschmissen…

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