“Und wenn man etwas falsch macht,

dann macht es auch Puff und die Kühe fallen um. Das ist dann immer ein Riesenspaß.”

Eigentlich wollte ich diesen Eintrag schon seit Ewigkeiten schreiben, und habe das immer und immer wieder vor mir hergeschoben.

Am 11. März 2011 um 14:46:23 bebte die Erde östlich des Tohokugebiets im Meer. Und es hat Boom gemacht.

Wie Japan auf Erdbeben und Tsunami vorbereitet ist und reagierte

Vor nicht allzu langer Zeit las ich, wie in Indonesien ein F*** funktionierte. Kein Wunder, wenn die Einstellung zu Gemeinschaft und Gruppe im Wesentlichen auf “Ich zuerst, dann meine Familie, dann mein Clan, der Rest geht mir sonstwo vorbei” lautet. In Japan dagegen kommt die Gemeinschaft zuerst, und ich finde, gerade in solchen Extremsituationen zeigt sich das doch recht deutlich.

Gemeinschaft hört allerdings auch oft dann auf, wo kommerzielle Interessen im Vordergrund stehen. Interessant dabei finde ich zunächst folgendes Video, was besonders kurz nach dem Erdbeben auf Youtube in der japanischen Nutzerschaft sehr bekannt wurde. Dazu muss man sagen, daß es in Japan seit langer Zeit ein Erdbebenfrühwarnsystem gibt, dass funktioniert. So glaubte man.

NHK vs. Privatsender

NHK ist links oben, der Rest sind Privatsender. Wie man sieht, versagten viele der privaten Fernsehstationen völlig. Man muss dazu sagen, daß es in der betroffenen Gegend teilweise um Minuten ging – je früher einen die Warnung erreicht, auf welchem Wege auch immer, desto größer die Chance, sich doch noch auf höhergelegenes Land zu retten. In Erinnerung geblieben ist mir immer noch der Bericht einer japanischen Oberschülerin, die gerade ihr Schwimmtraining des Highschool-Club in einem Schwimmbad in der Nähre des Meeres hatte, und es irgendwie schaffte, in den dritten Stock eines nahegelegenen Evakuierungsgebäudes zu gelangen. Letztendlich überlebte sie quasi das Schwimmteam, Ihre Eltern und nähere Verwandte. Solche Berichte, auch wenn ich so etwas nach so langer Zeit nachlese, hauen mich immer noch um.

Zynisch bemerkte ein Japaner auf Youtube mal zu obigem Video: “NHK: Wenn Sie überleben wollen”. Ganz ohne Ironie: Wenn ich einen Fernseher besitzen würde, dann hätte ich seitdem NHK-Gebühren bezahlt. Ehrlich. Jetzt.

Ganz interessant finde ich auch das nächste Video, was ich mal grob untertitelte. Es ist eine Aufnahme des Live-NKH-Broadcast während des Erdbebens. Es vermittelt Außenstehenden sicherlich einen Einblick über das japanische Erdbebenfrühwarnsystem.

das japanische Erdbebenfrühwarnsystem

Ich möchte das Video etwas kommentieren. Zunächst startet das Video mit einer Parlamentsübertragung. Hinweisen möchte ich auf den Oji-san, ganz zu Anfang. Denn er ist so typisch für mächtige Personen in Japan, weil er alle typisch japanischen Insignien der Macht trägt:

1.) Er ist männlich

2.) Er ist alt, quasi kurz vorm Tod.

3.) Er redet auch so.

4.) Er trägt eine Brille, die Ende der 70er/Anfang der 80er sicherlich total hip war.

5.) Er hat keine Haare mehr.

Obacht vor solchen Personen in Japan ist geboten. Behandelt Ihr Sie schlecht, könnte es sein, dass Ihr plötzlich das Land verlassen müsst, weil die Person an irgendwelchen Stellen irgendwelche Fäden gezogen hat – so funktioniert Japan.

Das Video zeigt aber, jenseits der Tatsache, daß der Moderator offenbar Eier aus Stahl hat, noch weitere interessante Aspekte. Zum Beispiel ist da der Erdbebenfrühwarnton. Zum ersten Mal hörte ich diesen Ton, als ich in Miyazaki bei der hzB nächtigte, und mit der Schwester der hzB fern schaute. Es lief eine der üblichen Variety-Shows, die dann vom Warnton unterbrochen wurde. Aber was verbindet ein in den 80er und 90er Jahren sozialisierter Westdeutscher mit diesem Ton? Ja genau:

So wartete und wartete ich, aber Maren kam einfach nicht.

Ich weiß nicht. Ich verbinde mit dem Ton einfach nicht das innere Gefühl eines Alarms. Vielleicht liegt das daran, daß wir Deutschen im Sounddesign von Warn- und Alarmtönen einfach eine besondere, historisch gewachsene Erfahrung haben?

Ich achte ja oft auf Sounddesign, ich verweise da auf die englische Stimme im Shinkansen – wollte ich immer mal ein Posting zu machen – bei der ich hoffe, die zugehörige Dame niemals zu treffen, da ich dann für nichts garantieren kann; ich würde sie wahrscheinlich auf der Stelle heiraten wollen – das absolute Gegenteil von mind-the-gap. Fakt ist aber, dass sich gerade bei Sounddesign und Alarmsignalen die Auswahl der Sprecher objektiv und subjektiv das Gefühl, das ich mit der Warnung verbinde, doch extrem je nach Nation und Sprache unterscheiden. Also zum Beispiel sind in Japan Ansagen fast zu 90% weiblich mit sehr hoher Stimme, während die restlichen 10% der Announcements  nasal-schwule, männliche Stimmen sind. Wie man am Ende des obigen Videos hört, sendete der automatisierte Broadcast viersprachig. Leider habe ich nicht den gesamten Broadcast als Video, aber dank der zahlreichen SWLs habe ich Radioaufnahmen. Zunächst in Englisch.

Vielleicht liegt es an meiner Affinität zu amerikanischer Kultur, vielleicht habe ich in meiner Kindheit doch zu viel BFBS gehört, aber ich höre bei “Everyone near the coast must evacuate to higher ground” irgendwie “Shit just got real” und nehme meine Beine in die Hand. Und ich glaube aufgrund der Sonorität würde sogar Murat “Alda, isch mach wasisch will” nicht anfangen zu diskutieren, sondern einfach laufen.

Die chinesische Version ist schon weiblich, nicht männlich und irgendwie…

Ja, Dong-Bo, verdammt noch mal! Wenn ich so ‘was höre, dann überkommt mich einfach das Gefühl, dass die Bevölkerung in China in einer solchen Katastrophe nicht rational, souverän und gemeinschaftlich agieren würde. Sollte ich mich irren: Mea culpa!

Aber jetzt kommt’s, und Peter, ich hoffe, Du nimmst mir das nicht übel?

Ich meine, die Koreaner müssen doch ’ne Menge Spaß haben, oder?

Wie ich das Tohoku-Daishinsai erlebte

Ich kann mich sehr genau erinnern. Zu der Zeit war ich im Büro, und codete irgendeinen Kram in OCaml zusammen. Und es rummste. Ich kannte Erdbeben schon von zahlreichen Vorfällen vorher, und auch diesmal war es bei uns, glaube ich, höchstens Shindo-3 oder so. Trotzdem war dies irgendwie anders. Es gab nur einen Erdstoß, aber der war viel langgezogener, statt kurzes Schütteln kam es mir vor wie in der alten Liebe auf der Pfingstkirmes. M.s Vokabular nutzend, würde ich es als eine “Hin- und Herschaukelei” bezeichnen. $Prof kam dann auch aus seinem Büro, bemerkte lächelnd, es sei “stark” gewesen und diskutierte ungewöhnlich aufgeregt mit $Supervisor. Ging dann aber auch wieder in sein Büro – ich nahm das alles nicht so wirklich wahr, und konzentrierte mich weiter auf diesen blöden Algorithmus.

Um ca. 15:30 bekam ich eine SMS von $älterer Schwester #2, ob denn auch alles ok wäre bei mir. Was so aus heiterem Himmel eine ungewöhnliche Aktion war, denn $ältere Schwester #2 ist nicht als Japan-Otaku bekannt. Das hieß, es war so groß, dass das Erdbeben es in größere deutsche Nachrichtensendungen geschafft hatte. Und dann fand ich Beunruhigendes heraus.

Hier ist ein Auszug der Mail, die ich am 12. März 2011 an die hzB schickte:

Datum: Sat, 12 Mar 2011 20:09:23 +0900

[…] egal was die Regierung im Fernsehen sagt:
– beide Reaktoren werden schmelzen
– Radioaktivitaet wird freigesetzt werden
– [wettervorhersagen zufolge wird] die radioaktive wolke eventuell
nach sueden hin abziehen.

Ja, ich war ein Prophet, hm? Oder könnte man vielleicht eher sagen, daß _jeder_, der halbwegs 1:1 zusammenzählen konnte, solche Vorhersagen treffen konnte?

Zu dem Zeitpunkt regte mich die Oberigshörigkeit und der sture Glaube an Verlautbarungen der Regierung vieler Japaner irgendwie ziemlich auf. Sicherlich, die technisch gebildete Elite dachte da schon anders, aber… ich sprach mit einem Postdoc in der Mensa, dessen Familie aus Fukushima kam, fragte ob denn alles ok sei, und er sagte [sic] “Ja, denn sie sind ja aus dem 30km Radius raus!”. Ich weiß bis heute nicht, ober er das sagte, um sich zu beruhigen, um mich zu beruhigen, um in der Situation das Gesicht zu wahren, oder ob er das ernsthaft glaubte.

Zusammenfassend und um jetzt nicht zu sehr in Einzelheiten zu verfallen, gibt es drei Dinge, die mir rückblickend zu der ganzen Chose einfallen.

1.) Nach dem Impact und der Sache mit den Atomkraftwerken vermisste ich ganz wesentlich irgendeinen Input. Die japanischen Presseorgane, z.B. Asahi-online druckten nur Meldungen ab – mein Eindruck war aber, daß die Reporter den technischen Inhalt und die möglichen Konsequenzen nicht wirklich begriffen. Genauso wenig wie die Bevölkerung. Als ich am nächsten Morgen meine Hamsterkäufe machte, wirkte alles völlig normal – ich war der einzige, der das tat. Diese unglaubliche Normalität, die überall vorherrschte, gab mir ein starkes Gefühl von Gänsehaut. Ich wollte schreien im Supermarkt: Leute, rafft Ihr nicht, dass gerade drei Reaktoren Ihre Kühlsysteme komplett verloren haben? Aber dann hätte ich nur Unverständnis ob des verrückten Gaijin, der da wie ein Wahninniger rumschreit, geerntet. Eine ähnliches Gefühl beschlich sich übrigens auch an dem Morgen am Bahnhof, als ich mich in den Shinkansen nach Miyazaki setzte. Erst als ich den Shinmoedake sah, löste sich meine Anspannung. Das die ganze Geschichte am Ende doch verhältnismäßig glimpflich abgelaufen ist, führt auch imho dazu, daß manchen bis heute der Ernst der Lage damals nicht bewusst geworden ist.

2.) Keine News. Das war glaube ich so ca. eine Woche nach Beginn der Katastrophe der Fall. Es gab Helikopter-Stunt-Flüge. Irgendwo habe ich später gelesen, daß diese auf Veranlassung der Amerikaner passiert wären, die sagten, wenn die Japaner Ihren Arsch nicht hoch kriegen würden, dann würden sie eine offizielle weltweite Reisewarnung von 50 Meilen um den Reaktor herausgeben. Was natürlich zu einem Shitstorm geführt hätte. Ob das so ganz stimmt ist eine andere Frage, aber zu dem Zeitpunkt war mir irgendwie klar: Keine Meldung hieß kein Fortschritt, hieß die Lage gerät mehr und mehr außer Kontrolle, hieß man würde möglicherweise die Mannschaft im Kraftwerk abziehen… just scary.

3.) Das teilweise Versagen der deutschen Botschaft: Kurz nach dem Erdbeben hat es die Botschaft tatsächlich geschafft, die meisten Deutschen in der Tohokuregion, die raus wollten, hilfreich zu unterstützen. Auch durch sehr persönlichen Einsatz der Mitarbeiter. Was ich sehr löblich finde. Auch die Expats, die aus Tokyo rauswollten, wurden wohl auf der Rattenlinie Evakuierungslinie Tokyo Sin-Osaka Kansai-Airport unterstützt.

Nur, als es hart auf hart kam, haben sie sich verpisst. Und Deutsche wie Tabibito, die teilweise mit Family in Tokyo ausharrten und ausharren musste, waren auf sich gestellt. Kommentar des Botschafters auf dem Townhall-Meeting später, paraphrasiert:  “Wenn man sich für ein Leben in Japan entscheidet, dann nimmt man halt Risiken wie Erdbeben und Tsunami auch auf sich”.

Ja, Fuck you, Herr Botschafter. Dann nennt das Ding doch einfach gleich “Deutsche Handelsvertretung” und lasst den ganzen nervigen Kram mit der Betreuung der Auslandsdeutschen weg.

Erwähnte ich übrigens, dass ich, trotz korrekter Eintragung in die Krisenvorsorgeliste während der gesamten Zeit nicht eine einzige(!) Mail/Anruf/Kontaktaufnahme der Botschaft erhielt? Kommentar des Botschafters auf dem Townhall-Meeting zu einer Person, der es ähnlich ging: “Naja, sie müssen sich auch korrekt eintragen, in die Vorsorgeliste, sonst erhalten sie natürlich keine Nachrichten.”

Sicherlich. Am Eintragen online wird es gelegen haben. Ich scheitere ja immer an diesen technischen Dingen, suche bis heute verzweifelt den Dampfkessel in meine Thinkpad.

Am Peinlichsten ist mir bis heute die Situation, in der ich am Abend, bevor die Botschaft Ihre Zelte in Tokyo abbrach, auf einer inoffiziellen “Deutsche-in-Japan”-Mailingliste vom Umzug über Mundpropaganda erfuhr. Am nächsten Tag war bekanntlich plötzlich ein A4-Zettel eilig ans Tor der Botschaft getackert, man sei mal kurz weg, Zigaretten holen.

An dem Abend die Reaktion auf der Mailingliste an den Poster: “Laber doch nicht, das würden die doch ankündigen”.

Meine Reaktion an die hzB: “Wir sollten auch überlegen, ob wir uns verpissen. Ich meine die ziehen die Diplomaten ab. Die Diplomaten! Das sind doch die ALLERALLERLETZTEN, die gehen!”

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3 Antworten to ““Und wenn man etwas falsch macht,”

  1. Thuruk Says:

    Sehr interessanter Beitrag. Ein Wahnsinn wie die Privatsender erst nach ca. 4 Minuten anfangen zu informieren. Noch dazu überall dämliche Werbung…

  2. coolio Says:

    Stimme zu. Auch die „Laessigkeit“ mit der jetzt noch ueber das ganze Thema Fukushima Daiichi geredet wird, erzeugt bei mir immer ein ungutes Gefuehl. Ach was, ’ne Plane drauf und gut is, klappt doch bei den Pennern auch. Aber was erwarte ich eigentlich in einem Land, in dem die Mehrheit der Buerger durch Schule und Medien auf „konform“ und wohl auch auf strunzdoof getrimmt wird? Selbst meine Unterhaltungen mit Leuten, die sich aufgrund ihrer Bildung, bzw. eher aufgrund ihrer Uni-„Wahl“, zu den Intellektuellen Japan’s zaehlen, lassen mich da nicht aufatmen. Ganz im Gegenteil.

    P.S.: Ich warte immer noch auf „Die Reise nach Val Verde, zweiter Teil.“ Ich gelobe hiermit feierlich, das ich mich auch beim kommentieren zurueckhalten werde. Vielleicht…..

  3. Soundtüfteleien in Japan / Taifun #17 Says:

    […] Beitrag von Bloggerkollege Umij erinnerte mich gestern daran, dass ich mal einen kurzen Artikel über […]

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