Die Besteigung des Fujiyama[1]

Vor einiger Zeit nahm ich ein paar Japanischstunden zwecks Vorbereitung auf den JLPT. Die Lehrerin befragte mich zu meiner Ferienplanung, und ich erzählte von der geplanten Reise nach Izu, von den Stränden, von der hzB in leichter Badebekleidung, dem ultrateuren Luxusryokan inklusive Onsen in Izu, welches ich aufgrund eines Jaran-Deals zu einem unverschämt günstigen Preis bekam…

Also wir hatten unter der Woche gebucht, und die Japaner, die sich so ein Ryokan leisten können, arbeiten da.

Die Lehrerin war völlig entgeistert. Sie unterrichte mehrere Deutsche, und ausnahmslos, ob mit Familie, ob alleine, würden _alle_ wandern gehen. Ob ich denn nicht in Izu wandern wolle? Ob ich denn wirklich Deutscher sei?

Tja und ein so undeutsches Verhalten konnte ich nicht auf mir sitzen lassen, und, um meine Schandtaten gut zu machen und darüber hinaus noch ein bisschen Credit zu haben für den nächsten Sommerurlaub musste es der Fuji sein.

Zunächst die Vorbereitung. Noch nie ärgerte ich mich so, dass meine Wanderschuhe und Leki-Stöcke bei den Eltern im Keller waren, statt hier. Aber gute Schuhe und ein Minimum an Equipment sind Pflicht, und so ließen die Hzb und ich dann mal eben schlappe 40,000 Yen bei Alpen[2].

Auf ging es. Unsere Planung war, mit dem Bus um 16:50 von Shinjuku nach 5-Goume auf der Yoshidaroute zu fahren, dann auf der Yoshidaroute über Nacht aufzusteigen, Sonnenaufgang zu gucken, und runter auf der Fujinomiya und zurück nach Tokyo und chillen und gut.

Der Aufstieg

Zunächst war es empfindlich kalt auf 5-Goume. Ich hatte zwar kühle Temperaturen erwartet, aber hier waren wir “erst” auf 2300 Metern. Nachdem ich mich warm angekleidet hatte, hatte ich gar nicht mehr so viele Kleidungsstücke in Reserve im Rucksack. Für die hzB erstanden wir noch Flugs eine Mütze – zuvor hatten wir aufgegeben, im Hochsommer in Tokyo eine dicke Mütze zu zivilen Preisen zu bekommen. Die  Entscheidung eine zu kaufen erwies sich hinterher als goldrichtig. Und eine Flasche Sauerstoff kauften wir für 1100 Yen. Für den Notfall. Ebenfalls für den Notfall hätte ich wegen der Kälte noch gern’ eine Rettungsdecke gekauft, aber, ganz typisch japanisch, gab es allen Scheiss’ in dem Laden, Souvenirs, Omiyageboxen mit Original-Fujikeksen, Holzstöcke mit Japanflagge… aber keine Rettungsdecken.

Ich bin zwar schon in Österreich auf einigen 3000ern gewandert, aber der Fuji ist nochmal gut 700 Meter höher, und Österreich war vor mehr als zehn Jahren. Die hzB hatte ebenfalls keine Erfahrung mit so großen Höhen. Also ließen wir es langsam angehen und legten, diversen Ratgebern folgend, jede Stunde eine zehnminütige Pause ein. Der Aufstieg bis 7-Goume auf der Yosdhidaroute verlief relativ ereignislos. Der Weg war relativ breit, gut ausgebaut und einfach zu laufen. Trotz der Pausen waren wir ganz gut in der Zeit. Nach 7-Goume wurde der Weg dann allerdings unangenehm. Extrem steil und felsig, so daß man sich, teilweise auf allen vieren, hochhangelte. Zur Hilfe waren auch an den Rändern des Weges Ketten und Seile gespannt, an denen man sich festhalten konnte. Unsere Stöcke waren da eher hinderlich.

Auf 8-Goume legten wir noch eine kurze Pause ein. Die Höhe war jetzt für mich sehr deutlich zu spüren, ich war recht kurzatmig. Zudem wurde es empfindlich kalt. Die hzB kam mit der Höhe gottseidank besser klar. Ich zog jetzt meine “Reserve” an: Ich trug nun Funktionsunterwäsche, darüber ein langärmeliges Shirt, darüber einen dünner Pullover, darüber ein Lauftrikot, darüber ein dickes Sweatshirt und darüber eine winddichte Regenjacke. Kalt war mir trotzdem.

Ab jetzt ging die richtige Tortur los. Zahlreiche Reisegruppen waren am Vortag angereist, waren bis 7-Goume oder 8-Goume gekommen, hatten dort übernachtet und machten sich jetzt auf zum Ziel. Die Masse an Personen war erdrückend. Alle wollten rechtzeitig zum Sonnenaufgang oben sein. Nicht nur in einem extrem langsamen Tempo liefen diese Gruppen los, sie blockierten auch den Weg völlig. Denn  der Weg war zwar ab 8-Goume nicht mehr so zerklüftet und felsig, sondern einfacher zu laufen. Aber leider auch extrem eng, so daß sich jetzt alles staute. Das Ganze erinnerte mich an Tokyo in der Rush-Hour. Einheizer (der Reisegruppen?) standen zwar an manchen Punkte und riefen die Tokyoter Regel aus “Links stehen (langsam gehen), rechts gehen”, aber der Weg war schlicht zu eng. Das führte zu zwei Problemen: Erstens konnte man nicht mehr sein eigenes Tempo gehen, was meinen Rhythmus völlig durcheinanderwarf. Zweitens wehte der Wind auf dieser Höhe extrem stark und eisig. So eisig, daß meine Ohren unter der dicken Skimütze anfingen kalt zu werden. So eisig, daß mein Körper anfing in den Wartephasen auszukühlen. Hätte die hzB jetzt wie ursprünglich eingeplant, die Kapuze ihrer Jacke anstatt einer richtigen Mütze genutzt…

Oben

Völlig entnervt und körperlich auf dem Zahnfleisch gehend kamen wir schließlich auf dem Gipfel an. Ganze 7,5 Stunden hatte wir für den Aufstieg gebraucht, den Großteil der Zeit dafür für die Strecke von 8-Goume bis zum Gipfel. Ich war völlig k.o. und wir setzten uns in eine der Hütten und tranken heißen Tee und Kakao für 400 Yen pro Dose.

fuji_sonnenaufgang

Glücklich stießen die hzB und ich an. Auf den Tag waren wir jetzt sechs Jahre zusammen. Keinen besseren Ort für unser Jubiläum hätte ich mir in dem Moment vorstellen können. Der Tee wärmte mich wieder etwas auf, und der beginnende Sonnenaufgang tat sein übriges.

Trotzdem machte mir die Höhe jetzt wirklich zu schaffen. Ich hatte starke Kopfschmerzen, war trotz der großen Anstrengung appetitlos und mir war leicht übel. Ich fror. Der Wind wehte kalt und stark. Wenn man Papiergeld aus dem Portemonnaie holte, musste man extrem vorsichtig sein. Ein Fehlgriff und das Papiergeld wäre einfach weg (geweht) gewesen. Die eisige Luft schmerzte in den Lungen, ich musste ständig husten und meine Nase lief ununterbrochen. Eigentlich wollte ich so schnell wie möglich wieder runter und Höhe verlieren, aber…

wir sind ja in Japan. Also galt es die Pflichtübungen zu erfüllen. Postkarten gekauft, um den halben Krater herum zum Postamt, Schlange gestanden, Briefmarken gekauft, Schlange gestanden, Postkarten eingeworfen, weiter zu Kengamine, dem höchsten Punkt am Krater, Schlange stehen, Foto und zurück.

Ich japste wie ein Terrier im Hochsommer, beschloss, daß jetzt ein Notfall war, und nahm ein paar Züge aus der Sauerstoffdose. Das brachte ein wenig Besserung, allerdings wohl hauptsächlich psychisch.

Wir waren im Vorfeld nicht ganz sicher, welche Route wir runter nehmen sollten. Wir hatten ursprünglich an Fujinomiya gedacht, da diese recht kurz ist. Zudem beginnt der Abstieg nahe am Postamt; ich wollte nicht nochmal um den halben Krater herumlaufen. Aber die Gotembaroute war ebenfalls nahe. Die ist zwar recht lang, aber ich erinnerte mich ganz grob an Tabibitos Bericht seines Aufstiegs. Herunterlaufen konnte man? Und wir hatten ja Stöcke, und dass zügige Herunterlaufen von steinigen Berggipfel mit Stöcken kannte ich noch aus den Alpen. Also den Mann am Klohäuschen gefragt, und der meinte: Ja, Gotembaroute kann man richtig laufen (rennen), ist dann in zwei Stunden zu schaffen, kein Problem.

Der Abstieg

Ich wollte jetzt runter. Kräftemäßig war ich wirklich am Ende, mein Kopf schmerzte, und mir war richtig übel. Die Gotembaroute fing vielversprechend an. Der Abstieg und die Landschaft erinnerten mich an Berggipfel an den Alpen, und wir verloren zügig Höhenmeter. Doch mir wurde immer schlechter. Kurz vor 8-Goume erreichte ich dann meine ganz persönliche IKS[3] und übergab mich hingebungsvoll am  Wegesrand.

Ich hatte erwartet, daß sich der Weg so fortsetzt und daß die jetzige Landschaft jenes Geröllfeld ist, von dem Tabibito in seinem Posting sprach, aber ab 7-Goume kam dann die (negative) Überraschung. Hier setzte die Mondlandschaft ein. Stöcke waren hier völlig nutzlos. Laufen hätte man können, ja, wenn man über die notwendige Oberschenkelmuskulatur und Kondition zu diesem Zeitpunkt verfügt hätte. Ich war völlig k.o., und durch die Kotzerei auch ziemlich dehydriert.

5-Goume der Gotembaroute liegt auf 1400 Metern. Die Gotembaroute ist also die längste. Und es zog sich hin. Und zog sich. Und zog sich.

Sehr staubig kamen wir endlich am Fuße des Berges an. Der  erschrockene Blick auf die Uhr: 5 Stunden hatten wir für den Abstieg gebraucht. Glücklicherweise kam zeitnah ein Bus, der uns zum Bahnhof brachte, und von dort fuhr ein weiterer Bus nach Shinjuku zurück.

Was ich gelernt habe

Gutes Schuhwerk ist notwendig, am Besten hohe Wanderschuhe. Die Yoshidaroute ist zwar praktisch weil einfach mit dem Bus zu erreichen. Aus genau diesem Grund würde ich diese Route aber auch in Zukunft meiden, sie ist einfach zu überfüllt. Die Gotembaroute würde ich, sowohl beim Auf- als auch beim Abstieg, grundsätzlich vermeiden, außer man mag eintönige Mondlandschaften die sich endlos hinziehen. Dicke Kleidung ist wichtig, vor allen Dingen dicke Mützen. Stöcke sind (je nach Route) nützlich, der alberne Holzstock mit Klingel und japanischer Fahne, der auf 5-Goume verkauft wird, ist dagegen ein Touristengimmick und eher Last als Hilfe. Handschuhe sind wichtig, zum einen um sich in felsigem Terrain abzustützen (Yoshida zwischen 7-Goume und 8-Goume), und auch weil es auf dem Gipfel eisig ist. Ein Wanderrucksack, der daß Gepäck gut auf den Rücken verteilt ist Gold wert. Ich hatte einen normalen Rucksack mit, und der war sehr unangenehm zu tragen. Zuletzt empfehlen die meisten Reiseführer mindestens zwei Liter Wasser mit hinaufzutragen. Ich würde beim nächsten Mal wohl eher die Hälfte mitnehmen, und bei den zahlreichen Stationen zwischendurch einfach die 400 Yen für eine 0,5l Flasche Wasser bezahlen. Am Ende trank ich doch nicht so viel und trug einen Liter wieder mit hinunter.

Und nicht zuletzt: Tabibitos Bericht lesend dachte ich, daß wird schon klappen. Ich glaube nicht, daß ich besonders unsportlich bin. Trotzdem brachte mich das wirklich körperlich an die Grenze. Ich denke seine beeindruckenden Zeiten ergeben sich daraus, daß er a) über eine sehr gute körperliche Verfassung verfügt und b) recht gute Wetterverhältnisse hatte. Quasi als Warnung hier: Auch von Laien zu schaffen, aber doch eine Herausforderung. Zu mindestens für mich.

[1] Falls D. hier mitliest: Das Fujiyamalama habe ich nicht gesehen.

[2] Alpen ist in Japan quasi das Walmart der Wanderer.

[3] Läuferjargon. IKS = Individuelle Kotz-Schwelle, in Anlehnung an die IAS, die Individuelle Anaerobe Schwelle

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2 Antworten to “Die Besteigung des Fujiyama[1]”

  1. tabibito Says:

    Hey, wenn ich Geröllfeld sage, dann meine ich Geröllfeld 🙂

    Da hat Dich die Höhe ja scheinbar wirklich voll mitgenommen. Soweit ich gehört habe, ist so etwas schwer vorhersehbar und hat nicht unbedingt was mit der körperlichen Verfassung zu tun.
    In puncto Wetter hast Du natürlich recht – ich hatte wirklich Glück. Klar war es oben kalt und windig, aber für so einen exponierten Berg war die Windstärke beachtlich zivil. Herzliche Glückwunsch jedenfalls an Euch Beide!

  2. Master-Chief Says:

    Vielen Dank für die Glückwünsche.
    Vielen Dank auch für Deinen Bericht vom letzten Jahr – er war sehr hilfreich bei der Planung unseres Aufstiges. Daß ich die Anstrengung unterschätzte lag schlicht an meinem mangelnden Respekt vor dem Berg.

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