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Japanisch

Juli 6, 2012

Obwohl ich schon vier Jahre in Japan lebe, spreche ich fast kein Japanisch.

Da, es ist raus.

Vor ungefähr zwei(?) Jahren habe ich den JLPT N3 bestanden, und danach habe ich kaum Fortschritte gemacht. Das habe ich deutlich gemerkt, als ich mich vor ein paar Tagen an Level N2 versuchte. Klar, Hörverständnis ging, aber bei Grammatik und Kanji konnte ich fast nichts verstehen.

Wenn man das so sagt, zieht man meist den geballten Hass von interessierten Kosmopoliten (insbesondere denen, die noch nie im Ausland gelebt haben) aus Deutschland auf sich – weil, man integriert sich ja nicht – und auch den der anderen Ausländer in Japan. Zum Beispiel ätzt ZoomingJapan in diesem Artikel ein wenig über Ausländer in Japan, die kein oder kaum Japanisch sprechen. Sie schreibt:

I don’t understand those people who have been here for much longer than [I am] but only speak basic Japanese if at all.

In Japanbeobachtungen schreibt hanayagi Ähnliches über Herrn Neumann[1]:

Wie kann man nach so vielen Jahren in Japan (im Buch schrieb er von sechs Jahren, aber seit dem ist schon eine Weile vergangen) so schlecht Japanisch sprechen?

Bevor ich weiter schreibe muss ich einen Disclaimer vorschicken: Ich hege absolut keinen persönlichen Groll gegen die beiden und hoffe sie fühlen sich nicht angepisst oder so. Falls dem so ist, ist mein Angebot, falls in Tokyo verweilend, beide mal wahlweise auf ein Bier oder Kaffee und Kuchen einzuladen. Weiter im Text.

Ich beschreibe mal, wie so etwas passieren kann. Es gibt dafür mehrere Gründe.

1.) Mein Ziel: Ich bin nicht nach Japan gekommen, um Japanisch zu lernen, ich bin nach Japan gekommen um zu promovieren. Japanisch zu lernen ist sicherlich ein Sekundärziel, aber im Zweifelsfall hat die “richtige Arbeit” Promotion immer Vorrang vor dem Hobby Japanisch.

2.) Die Umgebung: In Japan ist eine Promotion absolut unüblich, wenn man nicht eine wissenschaftliche Karriere anstrebt. Sogar ein Master ist unüblich. Gesellschaftlich habe ich auch nicht den Eindruck, daß mit einer Promotion irgendwie Ansehen verbunden ist. Gut, in Deutschland geht das sicherlich zu weit und führt zu so Auswüchsen wie bei Herrn Dr. von und zu Guttenberg, aber in Japan hatte ich oft Mühe zu erklären, was ich überhaupt tue. Doktor? Also Mediziner? Nein, eine Promotion. Doktor Nakamats, mh? Oft hatte ich den Eindruck, bei meinem Gegenüber manifestiert sich eine Vorstellung von Gariben, von “Langzeitstudent” und auch ein bisschen “faule Sau”. In Japan ist man als Student, auch als Promotionsstudent nicht shakkaijin. Ich kannte den Ausdruck nicht, als die hzB dies sagte, schlug den Begriff im Wörterbuch nach, und das führte dann an dem Abend zu gewissem Streit, denn ich kochte erstmal vor Wut.

Mit anderen Worten: Japanische Studenten waren zu 90% fachlich ziemlich schwach und mäßig motiviert, und mein (japanischer) Prof hatte auf solche Leute keinen Bock in seinem Labor. Zu meiner Zeit hatten wir _einen_ japanischen Studenten, und als der graduierte, bestand das ganze Labor aus Ausländern.

Die Arbeitssprache war daher Englisch. Aber selbst wenn Japaner da gewesen wären, wäre die Arbeitssprache immer noch Englisch gewesen. Zu viele Fachbegriffe existieren weder auf Japanisch noch auf Deutsch, und selbst wenn wir Gäste aus Deutschland, aus Österreich oder aus der Schweiz dahatten, habe ich oft mit denen auf Englisch, oder aus einem wilden Mix aus Deutsch und Englisch geredet. Schlicht, weil einem einfach die Worte fehlen. Ich war also gewissermaßen tagtäglich in einer englischsprachigen Umgebung isoliert.

3.) Die Umgebung (räumlich). Die Universität war mitten in der Pampa, totales Inaka. Gut, fast alle Japaner sagen bei der Frage nach Ihrer Herkunft “Inaka”, wenn sie nicht gerade aus den Regionen Tokyo oder Kansai kommen, aber um das ganze etwas zu verdeutlichen: Um den nächsten Konbini mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen, musste ich 15 Minuten mit dem Bus zum Bahnhof (also nicht JR, sondern Bimmelbahn) fahren, dann drei Stationen (15 Minuten) mit dem Zug, dann zehn Minuten zu Fuss gehen und zack, schon war ich bei dem nächstgelegenen Lawson. Aus Kostengründen wohnte ich im Studentenwohnheim auf dem Campus, zusammengepfercht mit den anderen Ausländern. Es hatte ein wenig die Atmosphäre eines Ghettos. Dort habe ich von jeder Gruppe der folgenden Nationalitäten wirklich nette Personen kennengelernt und Freundschaften geschlossen. Allerdings habe ich auch gelernt, größere Ansammlungen von Chinesen, Vietnamesen und Thais zu hassen und zu meiden – viele von denen empfand ich als stark asozial, und das meine ich im wahrsten Sinne des Wortes [2]. Kurzum, ich war also nicht nur sprachlich isoliert, sondern auch räumlich und sozial, und es war schlicht gar nicht so einfach aus diesem “Ghetto” herauszukommen.

4.) Zeit: Mein Tagesablauf bestand darin morgens, sagen wir gegen 10:00 aufzustehen, ins Büro zu gehen und dort zu arbeiten bis tief in die Nacht. Nach der Heimkehr ist Leere im Kopf. Natürlich _könnte_ man sich dann noch hinsetzen und Kanji und Grammatik pauken, aber nach einer anstrengenden Suche nach einem Beweis oder einem Gegenbeispiel, nach einer Codingsession will man einfach nur noch abschalten.

Ich habe mich bemüht da ‘rauszukommen. Ich habe mich bemüht den “Englischclub”, also die Ausländer die rein auf Englisch kommunizieren und jegliches Interesse an Japanisch vermissen lassen zu meiden. Ich bin zwar auch in Deutschland nie jemand gewesen, den man auf eine Party einlädt, damit da Stimmung reinkommt und hatte nie tausend Bekannte und dafür nur eine Handvoll gute Freunde, aber die Zeit in Japan ist mit die einsamste meines Lebens gewesen.

Ich habe versucht mich mit den wenigen Ausländern zu umgeben, die fließend Japanisch sprechen und gegen Ende hin habe ich ein paar der vereinzelten japanischen Doktoranden kennengelernt. Trotzdem würde ich sagen, es gibt, nach all der Zeit vielleicht eine japanische Person, die ich als Freund bezeichnen würde. Und die Person gilt, so glaube ich, auch in der japanischen Gesellschaft als etwas komisch. Der Rest sind  Bekannte bei denen man Meue und Meshita beachten muss, und das ist alles total nervtötend, man kann da nicht entspannt abhängen, geschweige denn nimmt man etwas Japanisch mit.

An der Uni gab es zwar auch Japanischkurse, aber zum einen hatte ich dafür wirklich keine Zeit (Seminare etc. gingen vor und überlappten oft), zum anderen waren die Lehrer dort Part-timer und unterrichteten Japanisch so wie … Mathematik. Reden tat da nur der Lehrer. Erinnerte mich ein wenig an den Lateinunterricht in der Schule; und ich bin mir ziemlich sicher,  daß Englischunterricht in Japan ganz ähnlich abläuft. Kurz: Man lernt nichts dabei. Ansonsten hatte die Uni auch nicht wirklich Interesse den Ausländern zu helfen sich zu integrieren, ich hatte mehr den Eindruck die Hauptaufgabe der Abteilung für internationale Studenten bestand darin diese zu kontrollieren[3].

Am Wochenende bin ich daher immer nach K-Stadt gefahren, einfach um aus diesem Ghetto rauszukommen und habe Privatunterricht genommen. Das hat mich im Monat locker 20000 Yen gekostet, aber das ist der Grund, warum ich überhaupt auf Level N3 gekommen bin. Aber irgendwann war dann von der Promotion her so viel Stress, daß ich auch oft am Wochenende im Büro war um irgendwelche Experimente laufen zu lassen, oder Dinge für die nächste Woche vorzubereiten. Da war ich dann einfach froh wenn ich Zeit hatte abzuschalten und habe den Unterricht sein lassen.

Es ging nicht nur mir so. Die Ausländer, die Japanisch konnten, die konnten das meist schon bevor sie nach Japan gekommen sind. Viele von denen haben aber dann Ihr Studium nicht so ganz auf die Reihe bekommen, da sie halt fachlich zu wenig drauf hatten. Diejenigen, insbesondere die Mathematiker, die fachlich wirklich gut waren sprachen meist gar kein Japanisch oder auf einem ähnlichen Niveau wie meiner einer.

ZoomingJapan schreibt weiter (über mit Japanerinnen verheiratete Ausländer):

They have a Japanese wife at home. They have a perfect setting for studying and progressing fast, but they prefer to use English with their wives because “it’s easier” … yeah, easier for them!!!!!

Nun, auch wenn die hzB in Tokyo wohnte und das ganze in unserem Fall eine Fernbeziehung war, so kann ich doch sagen: So funktioniert das nicht. In der Kommunikation wählt man im Zweifelsfall immer das größte gemeinsame Vielfache, und wenn das Englisch oder Deutsch ist, dann spricht man das. Es gibt genug Probleme in einer internationalen Beziehung und auch in der Kommunikation als das man sich dann auch noch mit der Sprache abmühen will. Kurzum: Ich kenne niemanden bei dem es geklappt hat von seinem Partner eine Fremdsprache zu lernen. Egal in welcher Fremdsprachenkombination.

In der Summe: Ich schäme mich natürlich ein bisschen für meine mangelnden Kenntnisse, insbesondere wenn ich Ausländer erlebe, die sich fließend und elegant auf Japanisch unterhalten können. Ich sehe dann, daß ich noch sehr sehr viel vor mir habe. Aber auf der anderen Seite kann ich mir wirklich nicht vorwerfen mich nicht genug bemüht, oder zu gleichgültig gehandelt zu haben. Ich werde natürlich weiter lernen und hoffentlich auch irgendwann in der Lage sein, flüssig zu sprechen, aber…

am Ende sind die Gründe, warum viele Ausländer in Japan die Sprache nur unzureichend beherrschen doch sehr vielfältig, und pauschal Faulheit und/oder Gleichgültigkeit zu unterstellen ist definitiv fehlerhaft.

[1] Allerdings ist Herr Neumann sowieso so ein Fall für sich, da er ja selbsterklärter Experte für Japan ist und auch fortwährend als solcher in diversen Medien auftritt.

[2] Mit dieser Meinung stand ich nicht alleine da. Verschiedensten Personen aus verschiedensten (allerdings fast immer entwickelten) Ländern ging es genauso.

[3] Und so wie sich manche Ausländergruppen sich verhielten, wohl auch nicht ohne Grund.

*edit* ein paar Tippfehler und Formulierungen