Archive for November 2011

Kurzes Serviceupdate

November 18, 2011

Der Spiegel titelt: Olympus-Ermittler prüfen Verbindung zum organisierten Verbrechen und beruft sich dabei auf die New York Times.

Sowas Blödes, müssen jetzt doch sogar wieder Kisha-Klub-Mitglieder… „Berichten ausländischer Medien zufolge…“ – ihr wisst schon.

Satz der 10 Extragummipunkte verdient, da er mir ein Lächeln aufs Gesicht zaubert:

Bereits Ende Oktober war Olympus-Chef Shuichi Takayama mit möglichen Verbindungen zum organisierten Verbrechen konfrontiert worden, hatte diesen Verdacht aber vehement zurückgewiesen. Den neuen Bericht wollte das Unternehmen zunächst nicht kommentieren.

Naja, kann sein.

Ich nehme an, Takayama wusste (mal wieder) von Nichts.

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Orinpasu

November 9, 2011

Hier treten wirklich alle schlechten Klischees über Japan derart verdichtet auf, daß man eher an das Drehbuch eines Hollywoodfilms denkt, als daran, daß dies wohl die traurigte Wahrheit ist.

Die Sache ist kurz erklärt. Das Geschäft strauchelt, und auf Druck der Aktionäre holt man einen ausländischen CEO, der mal aufräumen soll. Oder besser noch, so tun, als ob er aufräumen würde. Denn letzteres beruhight ja auch die Aktionäre, und praktischerweise ohne daß man irgendwas wirklich verändern muss.

Ausländischer CEO verlangt aber plötzlich so Sachen wie „Corporate Governance“ und „Compliance“, deckt dabei einen Bilanzfälschungsskandal auf und wird natürlich als Belohnung gechasst, denn er hat ja Unruhe reingebracht, daher ist er auch derjenige der Schuld hat. Mit dabei: Ein Ex-Wall-Street Banker japanischer Herkunft mit Beratungsfirma auf den Caymaninseln, und, mutmaßlich, Menschen mit ungewöhnlich viel Tätowierungen.

Ausländischer CEO macht natürlich alles falsch, was man falsch machen kann:

  1. stößt auf merkwürdige Finanztransaktionen
  2. forscht nach, sogar eigenständig
  3. engagiert _externe_ Berater, läßt eine Analyse von PWC anfertigen, anstatt das „intern“ zu klären

Ich meine, daß muss man ihn, als ordentlicher japanischer Unternehmensmensch doch feuern, oder?

Der Kisha-Klub agiert mal wieder extrem ruhmreich, in dem er nach der Chasserei ausschließlich die Pressemitteilungen von Olympus verlautbart und die offizielle Unternehmenslinie verkündet (während im Ausland beide Seiten zu Wort kommen). Erstere lautet, man habe „überraschend festgestellt, daß Woodfords Managementstil nicht zum japanischen passe“ und überhaupt, daß Woodford die „japanische Kultur nicht verstehe“ – die ist ja so einzigartig auf der Welt, daß nur ein Japaner sie verstehen kann – und überhaput, Japan hasse.

Gaijin versteht kein Japan, und alle Reporter nicken verständnisvoll, und schreiben fleißig mit.

Geil ist allerdings auch, wie sehr das „die Japanische Kultur ist ja so einzigartig“ scheinbar in den Köpfen aller eingebrannt ist. Denn auch auf westlicher Seite wird ein solches Stereotyp sehr sehr gerne befeuert. Dieser Bericht, vom Profjournalisten Carsten Germis, der extrem ausführlich begründet, warum Woodford einzig an kulturellen Schranken gescheitert, und warum die japanische Kultur so einzigartig ist, ist auf jeden Fall doch sehr amüsant zu lesen, in Anbetrachtung der aktuellen Entwicklung[1]. Läßt den Autor dann doch irgendwie ziemlich … aussehen.

Wie hätte man auch vorher bloss feststellen können, was für ein Kerl das ist? Der Mann arbeitete ja gerade mal 20 Jahre bei Olympus in Europa. Zu wenig Zeit, um sich ein Bild von einem Menschen zu machen, da wäre ich auch überrascht worden. Und, um Gottes willen, niemals, aber auch niemals, darf man eine Pressemitteilung beim Abdruck in der Zeitung hinterfragen.

Doch die ausländischen Medien halten nicht still, und so sind sogar Kisha-Klub-Mitglieder irgendwann dazu gezwungen, vorsichtig zu melden, daß „Berichten ausländischer Medien zufolge“ bei diversen Unternehmensübernahmen gewaltig etwas schief gelaufen ist.

Mittlerweile kristallisiert sich ein massiver Bilanzfälschungsskandal heraus. Um schlechte Ergebnisse im operativen Geschäft zu vertuschen und die Bilanz schöner aussehen zu lassen, hat man offenbar Übernahmen diverser kleiner Unternehmen mit Hillfe der Berater auf den Caymans künstlich aufgebläht, um Verluste vor den Aktionären zu vertuschen – und schon ändert sich die Situation von einer Firma, die viel Verluste macht und diverse Kleinunternehmen gekauft hat, zu einer, die kaum Verluste macht, aber viel Geld aufwendet um massiv Firmen zuzukaufen und den Geschäftsbereich zu vergrößern. Letzteres hört sich doch viel besser an.

Fairerweise muss man allerdings sagen, ist Woodford selbst wohl durch den Bericht in der Presse, in einem dieser Shukanshi drauf gestoßen. Es sagt wohl Einigies darüber aus, wie sehr es mit der Unternehmenskultur und den internen Kontrollen bestellt ist, wenn ein CEO seltsame Übernahmen seines Unternehmens zuerst aus einem Bericht in einem Tabloid erfährt. Hinzufügen muss man, daß alle großen Tageszeitungen in Japan Mitglied im Kisha-Klub sind — und damit per Definition Pussys — während Shukanshis irgendwie sowas zwischen Bild und Spiegel darstellen. Shukanshis sind die einzigen, die halbwegs investigativ berichten. Es gibt aber auch Vorwürfe, die Shukanshis seien ebenso massiv kontrolliert durch Jimintou und die Industrie.

Ich schätze, Woodford wollte im Konbini wohl einfach den Weekly Playboy kaufen und hat sich vergriffen und Facta erwischt. Kann passieren. Nachdem er liest, was in seiner Firma so vor sich geht, fragt er Kikukawa und Co., was es damit auf sich hat, und kriegt nur Bullshit zu hören. Forscht selbst nach, und als er dann sieht, was für Leichen da im Keller sind, schickt er den Bericht von PWC an alle Aufsichtsratmitglieder, garniert mit einem herzlichen Brief, man möge doch in Anbetracht der Fakten das gesamte obere Management achtkantig rauswerfen.

Und der Aufsichtsrat trifft die einzig logische Entscheidung.

Und schmeisst Woodford achtkantig raus.

Leider schlägt der Versuch, Gras über die Sache wachsen zu lassen fehl, denn Woodford selbst wendet sich dann an die Presse. Da helfen dann auch keine Schmutzkampagnen a la „Der Mann hasst Japan“ nicht mehr.

So agiert der japanische Konzern bisher ganz vorbildlich nach der japanischer Strategie, die man aus übelsten Klischees kennt: 1.) Dementieren 2.) Leugnen 3.) Lügen 4.) Zugeben, was man zugeben muss 5.) Entschuldigen (öffentlich, mit Verbeugung) 6.) Weitermachen wie bisher. Als Referenzimplementation gilt hier bisher Tokyo Denryoku.

Bei Orinpasu ist man im Moment bei Schritt 4.) angelangt. Der bisherige Chairman, Herrn Kikukawa, ist jetzt gegangen worden. Der neue Präsident, Herr Takayama, der immerhin auch vorher schon ein hohes Tier bei Olympus war, ist aber der Aufklärer schlechthin und offenbar die beste Person für einen klaren Neuanfang. Denn, er wusste selbstverständlich von Nichts. Und es tut ihm leid. „Es tut mir sehr sehr leid. Ich wusste davon bis jetzt nichts.“ — Schritt 5. liegt nahe. Letzteres musste nochmal ausdrücklich betont werden von Herrn Kikukawa, der da sagte: „Es tut mir sehr leid, daß ich Dir (Takayama) bisher davon nichts gesagt habe.“ Ich meine, wenn Kikukawa es selbst sagt, dem muss man das ja… äh… glauben… Und Woodford holt man natürlich nicht zurück. Es liegt also völlig fern, Schritt 6.) auch nur ansatzweise zu vermuten.

Übrigens gibt es auch andere Gerüchte, Menschen mit so ganz viel Tätowierungen hätten ihre Hände mit im Spiel.

Währendessen tun die Herrn der japanischen Finanzaufsicht, daß was sie am Besten können: Nichts. Und das sehr bedächtig. Man kriegt das schon alles irgendwie hin, hier bei Japan Inc.

Mehr zum Ablauf der Events in jeder japanischen Tageszeitung (jetzt sind sie granz groß am berichten, die Helden) und z.B. hier

(bitteres) Fazit: Erstens: Derjenige, der versucht hat, die Dinge sauber zu lösen, und zumindestens moralisch scheinbar alles richtig gemacht hat, verliert als erster seinen Job und seine Karriere. Und Zweitens: In Japan macht mal als weißer Ausländer, Expat mal ausgenommen, keine Karriere. Wenn man Fachwissen auf einem gewissen Gebiet hat, kann es sein daß man in dieser Position sein dasein fristen kann, vielleicht sogar ganz komfortabel. Man kann auch als Repräsentant nach außen gewisse Funktionen erfüllen (mit dieser Intention wurde Woodford offebar geholte – er sollte wohl die Großaktionäre beruhigen). Nur Karriere, daß kann wohl man definitiv vergessen. Es ist auch durchaus denkbar, daß interne Gegner von Kikukawa die Einstellung von Woodford forciert haben, in der Hoffnung, daß ganze explodiert; Woodford wird gleichermaßen wie das alte Management geköpft man kann gemütlich die Posten neu besetzen.

PS: Ich habe in den vergangenen Monaten ja gar nicht gepostet. Hier liegt noch so viel „auf der Halde“, diverse Reisen, Fotos usw. Aber das braucht mehr Zeit und Aufwand als so ein dahingeschriebener Kommentar zum Zeitgeschehen. Ich gelobe Besserung,  jedoch binich  momentan extrem beschäftigt, und das wird wohl auch noch bis nächstes Jahr Mai/April so bleiben…

PPS: Ja, auch deutsche Unternehmen gewinnen bei Compliance und Corporate Governance keinen Blumentopf, Stichwort Siemens, Griechenland und Co — die Gründe dafür liegen aber doch völlig anders.

[1] Der Mann, der dort fortwährend als „Kikuwa“ bezeichnet wird, meint wohl Herrn Kikukawa. Aber wahrscheinlich sind die beiden quasi schon per Du, bzw. per „Kiku-Chan“ und „Germi-kun“, dann kommt man schon mal schnell durcheinander.