Archive for März 2011

Die Massenmedien

März 26, 2011

sind doch auch irgendwie … es funktioniert doch so: Irgendeine Tickermeldung kommt rein, und ein Sp****-Onlineredakteur, der höchstwahrscheinlich weit weniger technisch qualifiziert ist, als ich selbst z.B., setzt sich hin und schreibt daraus eine möglichst reißerische Nachricht.

So werden ich und meine Verwandten in Deutschland verrückt gemacht. Ein paar Tage später kommen keine Tickermeldungen mehr, und zack, und Libyen und Gaddafi war ja schon immer böse.

Die Lage am KKW ist nach wie vor extrem gespannt, wahrscheinlich läuft jetzt erst die Phase an, wo sich wirklich alles entscheidet. Aber es gibt halt keine spektakulären News mehr.

Mein Favorit übrigens: „Atom Horror: 50 Helden im Kamikaze-Kampf gegen die Schmelze“. Die Alliteration… da muss man auch erst mal drauf kommen. Ich bemühe mich seit Jahren, in diesem Blog etwas Vergleichbares auf die Reihe zu bekommen. Aber ich bin noch nie über „Geheiligte Männer suchen Glück auf dem Golfplatz!“ und „Zweiköpfiges Eichhörnchen greift zwei Camper auf einmal an!“ hinausgekommen.

Daher: Wo es keine schönen Tickermeldungen gibt, da kann man ja auch nichts mehr schreiben. Zum Beispiel ‚mal eine technische Analyse zur Abwechselung. Aber dafür müsste man ja Ahnung haben, und das kann man ja nun von einem Redakteur wirklich nicht erwarten. Mal ganz abgesehen von den tausenden, die immer noch in den Notunterkünften frieren und froh sind, einmal am Tag ’ne Packung Cupramen zu erwischen. In Libyen wird bombardiert. Da gibt es halt Tickermeldungen…

Sei’s drum. Am Dienstag zurück nach Ishikawa. Wirkliche Sorgen mache ich mir nur um die hzB. Für die geht es zurück nach Tokyo. Westpaket ist schon in Vorbereitung, und ich werde auch ein paar D-Mark in der Kaffeepackung verstecken, damit sie auch mal im Intershop frisches Wasser kaufen kann…

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Hin und Her

März 20, 2011

während ich gestern die Sache noch sehr negativ sah, scheinen die Wasserwerfer tatsächlich einen Einfluss zu haben.

Auf der anderen Seite hört man von kontaminierten Lebensmitteln und belastetem Trinkwasser. Wenn auch, außer in Fukushima, weit unter jeglichen Grenzwerten. Dann soll sich noch die Windrichtung am Montag & Dienstag ändern und mehr Richtung Tokyo wehen.

Was tun? Man kann ja auch nicht ewig abwarten. Aber sicherlich auch nicht vorschnell zurückkehren. Ich bin sehr unschlüssig… Abwarten und Tee trinken oder so.

Ansonsten muss ich hier nochmals wiederholen, was eigentlich jeder Ausländer, mit dem ich bisher darüber gesprochen habe, bestätigt:

Kyushu rockt das Haus! Kyushu ist einfach ungefähr 10000 mal cooler als jede andere Region in Japan. Dass muss man mal so festhalten. Außer was Temperaturen angeht. War gerade auf dem Balkon. 18 Grad oder so… abends vielleicht 10. und alle reden die ganze Zeit davon, wie kalt es doch ist 🙂

Lagebericht

März 18, 2011

Ich bin gestern gut in Miyazaki angekommen.

Mittlerweile denke ich allerdings, die Japaner haben einen Dachschaden und das Fernsehen… naja, Verharmlosen ist ja auch eine Art Lüge.

Ich meine da passieren so Stunts, wie daß bei NHK nach der ersten unbequemen Frage an Kan bei der Pressekonferenz (bei der er schon ins Schwanken kam) weggeschaltet wird.

Dann sollten heute die Feuerwehrtrucks (die dicken Dinger aus Tokyo) anfangen Wasser zu spritzen. Und Helikopterflüge (oder besser PR-Stunt-Flüge) hatte man auch wieder geplant. Und die Stromleitung wollte man verlegen.

Das das alles nicht ausgeführt wurde, weil es einfach aufgrund der hohen Strahlung nicht mehr, und mit extrem großer Wahrscheinlichkeit auch in absehbarer Zeit nicht mehr gehen wird, daß sagt so deutlich keiner.

Von der Uni kam heute eine Mail des Präsidenten. Inhalt in Auszügen:

Especially, I consider the anxiety of international students who come from countries where no earthquakes occur. As you may already know, our institute has not been influenced by the earthquake at all and it is safe to say that we will be secured since (our university) is located about 400km away from the disaster area and the troubled nuclear power plants.

Sowas finde ich schon direkt frech und sehr bedenklich, und ich überlege im Moment, ob ich da nicht mal eine deutliche Antwort an den Verteiler schicken soll. Während ich vielleicht nicht die Erfahrung über Erdbeben habe, komme ich immerhin aus einem Land, bei dem Auswirkungen von Tschernobyl deutlich messbar waren. Bei einer Distanz von mehr als 1400 Kilometern. Natürlich ist Panik falsch, aber zum jetzigen Zeitpunkt eine Gefährdung absolut auszuschließen, ist grob fahrlässig.

In Miyazaki fühle ich mich soweit erstmal sicher, einfach aufgrund der großen Distanz, und der geringeren Wahrscheinlichkeit, daß wie in Tschernobyl massiv radioaktive Partikel in höhere Luftschichten gelangen. Trotzdem überlege ich sehr stark, auszufliegen. Das große Problem ist nur, daß die hzB, als sie vor zwei Wochen hierhin aufbrach, natürlich nicht ihren Reisepass mitgenommen hat. Wir haben schon eine „Kommandoaktion“ überlegt, bei der man morgens nach Haneda einfliegt, zu ihrer Wohnung und am Nachmittag zurück.

Ich halte das aber zum jetzigen Zeitpunkt für extrem gefährlich, da die große Gefahr besteht, daß man bei einer Zuspitzung nicht mehr aus Tokyo rauskommt. Und abgesehen von der Gefahr eines großen „Runs“ wg. Massenpanik: Schon jetzt fahren Züge teilweise nicht; und bei einem weiteren Nachbeben könnte es durchaus sein, daß z.B. Landebahnen beschädigt werden, Flüge und/oder der Shinkansen ausfällt.

Wir werden am Dienstag (Montag ist ausgerechnet ein Feiertag) ihren Pass als „verloren“ melden. Die Austellung eines neuen Pass‘ dauert 6 Tage. Ich hoffe, daß das im Falle des Falls ausreicht…

Ihre Schwester möchte ich in so einem Fall auch unbedingt mitnehmen. Die sagt aber sie will nicht. Arbeit. Sie fliegt morgen nach Ishikawa. Mit Umstieg in Haneda. Dann wird dort in Hokuriku getourt, und der Plan ist am Dienstag oder Mittwoch in Nagano und Niigata aufzutreten. Ich mache mir da sehr große Sorgen… Im Falle des Falles werde ich dann wohl einfach ein Ticket kaufen und sie zu Ihrem Glück zwingen müssen…

I'm dreaming of a white christmas

März 17, 2011

spielt zwar nicht im Radio, ich aber sitze im Zug[1] nach Miyazaki. Gestern döste ich gemütlich vor mich hin, und dann überkam mich eine Vision[2]. In der saß Matze da und meinte:

GO

(Nicht wirklich. Ist ’n Insider.)

Auf jeden Fall, ist gut, wenn man eine hzB hat. Die, sagen wir mal vorsichtig, nicht aus dem zentralsten Teil Japans kommt. Mit netten Eltern, bei denen man sich mal eben einquartieren kann.

Ich glaube nach wie vor, daß Ishikawa ziemlich sicher ist – einfach aufgrund der geographischen Lage. Diverse Wettervorhersagen, Ausbreitungsvorhersagen etc. zeigen nicht nur alle aufs Meer hinaus, sogar im schlimmsten Fall — Wind von Nordost — prallt dieser mehr oder weniger an den heftigen Gebirgen ab. Ich glaube auch nicht, daß ein Run in Ishikawa ansetzt, von den „tausenden“ Ausländern da, so daß man dann plötzlich nicht mehr rauskommt. Eher schon Knotenpunkt Osaka…

Trotzdem habe ich mich jetzt auf den Weg gemacht. Vielleicht ist das übervorsichtig, und vielleicht habe ich mich von den Wahn anstecken lassen. Ich habe das Gefühl, daß in Deutschland und in deutschen Medien zu stark überdramatisiert wird und eine realistische Sichtweise verloren geht. Z.B. fragt die Tagesschau gerade auf der Homepage ein infernalisches „Letztes Aufgebot oder sinnlose Taktik?“, um dann nachzulegen, daß der EU-Energiekommissar Oettinger (ja, der, der so durch sein Englisch glänzt) vor einer Katastrophe warne und die Lage faktisch außer Kontrolle wähnt.  Während ARD-Experte Ranga die Situation dagegen als „nicht ausweglos“ betrachte und das Vorgehen der Japaner als sinnvoll bezeichne.

Ist krass. Die Japaner machen sinnvolle Dinge.

Ich will dabei die Sache absolut nicht runterspielen. Tokyo, Kanagawa oder Ibaraki hätte ich spätestens seit den erhöht gemessenen Werte längst verlassen (besser vorher). Aber ich habe das Gefühl, dass für die Deutschen Japan eben so eine kleine Insel ist, wie für die Amerikaner „Europa“ da so’n kleines Land ist mit Frankreich drin und noch so Rest.

Allerdings: Die Sachlage ist ernst. Und der Shinkansen in dem ich sitze, hat heute 7 Waggons nicht 6 wie sonst, und ist voll. Mit Frauen, Kindern, und vielen Ausländern. Ich kann’s ihnen nicht verdenken. Es sind zu viele Leute, die ich kenne, und die aus verschiedensten Gründen im Großraum Tokyo ausharren.

Es wäre jetzt noch nett, wenn der Shinmoedake ruhig bleiben könnte. Aber ich denke, da will einfach nur SPECTRE ein bisschen von der Mainbase ablenken. Oder einfach _eine_ _Millionen_ _Dollar_.

PS: Danke übrigens nochmal an kucki. anti-atom-piraten, asahi.com und kyodo news waren bis jetzt immer aktuell und faktenbasiert ohne reißerisch zu sein. Ersteres im Tweet kann ich nur empfehlen + follows auf timeouttokyo, japantimes und andere, für wenn in Deutschland geschlafen wird.

[1] Irgendwie zahle ich keine Extrakosten mehr für das Tethering, seid ich das amazinglarry-image auf’s magic geflasht, habe, komisch nicht? 🙂

[2] Danke, Winnie

Und jeder und ich auch denkt im Moment

März 16, 2011

doch nur eins:

Lebbe geht weiter

März 14, 2011

wie Stepanovich sagen würde.

Mein Eindruck: Während, vor allen Dingen in Deutschland, die Diskussion eine politische Komponente (nicht, dass ich das nicht nachvollziehen könnte) hat und daher viel und gerne spekuliert und auch Panik verbreitet wird, habe ich das Gefühl das in Japan das ganze… nicht ernst genug genommen wird.

Heute an der Uni z.B. war der Betrieb ganz normal, und es wurde nicht ein (offizielles) oder inoffizielles Wort darüber verloren, was ich dann doch etwas seltsam fand. Bei der Schweinegrippe gab es damals ein großes Tohuwabohu mit Plänen die Uni zeitweise zu schließen, Meetings, etc. etc.

Trotzdem werde ich vorerst hier bleiben und die Situation aufmerksam weiter verfolgen. Drückt mir und den 120 Millionen anderen Menschen hier die Daumen!

die Meldungen

März 13, 2011

der Regierung stehen imho irgendwie diametral zu den beschlossenen Maßnahmen. Radioaktivität sinkt, inneres Containment intakt, aber man weitet die Evakuierungszone aus.

Ebenfalls wirkt es so, als sei der Grund der Probleme nicht nur defekte Dieselgeneratoren für die Notkühlung.

Ebenso wird hier überhaupt kein Detail erklärt. Ich weiß nicht mehr über Siedewasserreaktoren, als das was man im Physikunterricht lernt und auf Wikipedia steht.  Man sagt, man will boriertes Seewasser einspeisen.

– in den Primärkreislauf? Gibt es also offenbar einen deutlichen Kühlwasserverlust? Warum wird nicht „Ersatz“-Kühlwasser in Tanks vorgehalten?

– funktioniert die Speisewasserpumpe? Hat man dafür wieder Strom? Oder funktioniert in einem Siedewasserreaktor der Primärkreislauf mehr oder weniger auch noch mit natürlicher Zirkulation?

– Was ist mit dem Sekundärkreislauf? Ist das das Problem? Wohl nicht, denn dann macht die Aussage des Meerwassereinspeisens und insb. des Borierens keinen Sinn. Funktioniert der Sekundärkreislauf auch noch mit natürlicher Zirkulation? An einem Fluss kann ich mir das irgendwie vorstellen wg. der Strömung, aber am Meer?

– Die Experten hier in Japan in den Fernsehsendungen, alles alte Säcke mit wenig Haaren, ich verstehe kein Wort. Dann werden Schaubilder hochgehalten oder eingeblendet, auf denen irgendwas steht und die der oder die Moderator/in vorstellt, aber deutlich offenbar selbst nicht versteht…

Gestern abend endlich die hzB erreicht. Die wollte übernächste Woche wg. Arbeit nach Tokyo zurück.

Ich hoffe, ich konnte ihr das ausreden.

Ich glaube die Japaner, die alle über Chernobyl nur in der Schule gelernt haben, haben kein Bewusstsein dafür, wie schnell so eine Wolke da sein und abregnen kann…

bester kommentar @prof:

März 12, 2011

better open an expensive bottle of wine. it’s the right time. nothing to wait for.

ungeordnete gedanken, böse erinnerungen

März 12, 2011

gerade mit prof geredet: er meinte regierung reagiert verhältnismäßig langsam. hat mit nem meltdown gestern nacht offenbar nicht gerechnet/kalkuliert, aber darauf läuft ja im Moment alles hinaus, auch wenn es keine Bestätigung gibt. „man kann im moment nichts tun, außer abwarten und seinen job erfüllen.“

ja arschlecken, ich hab ne frist für ne konferenz nächsten donnerstag, aber wer kann sich denn jetzt schon auf sowas konzentireren?

üble erinnerungen an 86… er war damals zufällig in Polen auf einer Konferenz, hat das auch miterlebt….

fuck, ich kriege dieses bild vom sendai-airport nicht aus dem kopf. ich war schon mehrfach in sendai, habe da schon mehrfach ein- und ausgecheckt…  keine ahnung was mit den leuten dort an der uni ist…

Auch weiterhin

März 12, 2011

ist _hier_ alles in Ordnung.  Ich habe glaube ich eine Straße gesehen, die repariert wurde, aber selbst da war ich mir nicht sicher, ob das „normale“ Reparaturen waren (die bauen in der Gegend) oder aufgrund des Bebens.

Ich war morgens um 9 im Supermarkt, von Hamsterkäufen habe ich nichts gesehen. So weit so gut… daß sowohl die hzB als auch Ihre Schwester im Moment in Kyushu sind… ich betrachte es als glückliche Fügung.

aber mal unter uns: Ich hänge quasi 24 an den diversen Newsseiten etc. und….

da geht einem doch mächtig der Arsch auf Grundeis…

Ich war vor ein paar Wochen genau in der Gegend, wo jetzt alles passiert. Ich kenne Forscher an der Tohoku-Universität, die ich dort traf… Alles offline etc. Ein Postdoc nebenan hat Familie in Fukushima…