Onsen

Onsen sind im Prinzip ’ne tolle Sache. Allerdings nicht immer, was die Japse ‚draus machen.

Der Japaner liebt es bequem und praktisch, deswegen gibt es die ganzen Konbinis oder auch die Schlaufen in den Ecken des Bettbezuges, mit denen man die Decke innerhalb des Bezuges fixieren kann, so daß die Decke bei Bewegung nicht immer nur zur Hälfte aus einem Klumpen Decke und einer Hälfte Bezug besteht.

Im Fall Onsen bedeutet praktisch und convenient, daß über ein Onsen schnell ein Ryokan gebaut werden muss, mit Zufahrtsstraße, Parkplatz, Tatamizimmer, lecker Frühstück undsoweiterundsofort. Praktisch bedeutet nicht, daß der Ryokan gut aussehen muss. Ein Klotz aus Beton ist völlig in Ordnung.

Nach der Hollandsache war ich noch in Österreich, schoss ein paar Fotos und zeigt diese der hzB, welche die ländliche, touristisch geprägte Umgebung mit dem Wort „kitschig!“ kommentierte. Das brachte mich fast zur Weißglut. JA TOLL. Vielleicht kitsch, aber immerhin mal kein Beton zur Abwechslung. Besser Kitsch als Beton. Oder?

Ich warte ja noch ‚drauf bis irgendwann mal ’n Japaner nach Österreich fährt, und sich beim Hotel beschwert, er halte diese verdammten, geschmückten Balkons und die gepflegten Vorgärten nicht mehr aus, ob sie nicht vielleicht ein Zimmer mit Blick auf eine puffartig aussehende Leuchtreklame vor einer Betonwand hätten. Oder wenigstens am Rand ein Haus aus Wellblech, mit leicht verrosteten Wänden. Er habe so Heimweh.

Wird natürlich nie passieren. Honne und Tatemae und so. Ich denke aber, der Ruhrpott könnte hier eine Marktlücke für sich entdecken. Obwohl, daß ist ja mittlerweile auch alles viel zu schön geworden…

Zurück zum Onsen. Die Ver-Ryokanisierung nervt wegen noch anderen Dingen. Zum Einen ist die Übernachtung oft ziemlich teuer. Zwar gibt es manchmal auch die Möglichkeit als Nichtübernachter nur das eigentliche Onsen zu besuchen. Da wiederum kommt dann aber wieder Punkt 2 zu tragen, die erzkonservative Sexualmoral in Japan.

Glaubt Ihr nicht, wo Samurai-Biker und Co. Euch mit den ganzen Fickeldifotzpostings heiß machen und dann die ganze Sache mit den used-panty-Automaten…

Ist alles Bullshit. Manches wirkt vielleicht auf den ersten Blick offen und locker, aber dahinter verbirgt sich ein kompliziertes Regelwerk, daß im Zweifelsfall konservativer ist, als der amerikanische Mittelwesten. Zum Beispiel, ja Hotpants sind ok, auch im Winter, aber wehe es die Dame zeigt auch nur _winzigst_ etwas Bauch. Die Schlampe!

Wenn ich z.B. die hzB nach längerer Zeit am Bahnhof wieder treffe …

Irgendwie passieren mir solche Sätze einfach. Ich kann nichts dafür. Völlig unbeabsichtigt.

Ich leite nochmal neu ein.

Wenn ich mal wieder nach Tokyo pendel‘ und die hzB wieder treffe und beherzt drücke, dann gibt es lauten Protest, denn _Umarmen_ und _Küssen_ an einem Fernbahnhof in der Öffentlichkeit, nein, daß geht nun wirklich nicht. Sowas Peinliches. [wenn ich das überspringe hängt natürlich auch der Haussegen schief, aber das ist eine andere Geschichte].

Ich hole immer sehr lange aus, der Punkt sind die Onsens. Also ein gemeinsames Bad im Onsen ist unmöglich. Weil man ist ja da nackt. Und dann die ganzen japanischen Perversen. Das kann nicht funktionieren.

Nicht, daß man mich jetzt in irgendsoeine Nudistenecke stellt. Aber es nervt, wenn man die hzB ‚eh die Woche nicht gesehen, den Sonntag mit einem Onsenbesuch verbringt, hinfährt, ‚rein, und nach ein paar Stunden „Und wie war’s? Ja gut“ und fertig und Montag und blah.

Na gut, wenn man die vierzig überschreitet und die Ehe nur noch aus purem Haß besteht, dann mag das genau die Art von Ausflug sein, die für einen freien Sonntag paßt (Mo-Sa kann man der Ehefrau durch Arbeit ausweichen, und Sonntag dann mit sowas ersetzen), aber nun sind wir (noch?) (glücklicherweise? noch?) (au! aua!) nicht an diesem Zustand angelangt.

Es gibt einen Ausweg. Wilde Onsens. Wild heißt, man muss dahin _laufen_. Da ist klar, daß da so gut wie kein Japaner einfach mal eben dahinkommt. Dann ist es ja in der freien Natur und hazukashii und blablabla und daß hält nochmal ordentlich Menschen ab.

Und so haben wir uns aufgemacht. Fiese Fahrt in die Pampa schon ansich. Dann fieseste Straße überhaupt. Links steil nach unten, rechts steil nach oben. Keine Leitplanke. Breite der Straße geeignet für ein Auto. Bei Gegenverkehr rückwärts bis zur nächsten Notbucht. Bei zuviel Regen Sperrung der Straße wegen Steinschlags. Umkurven und Wegräumen von fiesesten Steinbrocken. Auf der Rückfahrt lagen neue da. Bei einer falschen Handbewegung und verreißen des Lenkrads sicherer Tod. Keine Angst. Ich wohne in der Präfektur, ich bin Profi.

Hier geht's rein

Exzellent! Danach eine Stunde etwas locker Spazierengehen (für Japaner: Wandern). Und wildes Onsen. D.h. gar nicht so wild. Wohl von irgendeinem Freiwilligen/einer Behörde maintaint. Aufgrund mäßigen Wetters wirklich keine Menschenseele. Aufgrund der Lokation auch nicht verbaut.

Und hier geht's runter

Sehr chillig hier zu chillen

Exzellent.

Unberührtes Japan. So wie man sich das in Deutschland vorstellt, mit Samurai und Ninjas und so, da hatte ich dann doch Angst, daß da plötzlich einer aus dem Busch springt. Aber ernsthaft frage ich mich manchmal, wie Japan so vor dem ganzen Boom, vor der ganzen Betonwut, vor dem Aufblähen der Verwaltung, so in den 60ern ausgesehen hat. Es muss ein wirklich fundamental anderes Japan gewesen sein. Ich glaube „Mehr Herz, weniger Beton“, war das nicht ein Slogan von Minshuto? Irgendwas in der Richtung. Es gibt da auch so eine Sammlung von Essays, „Lost Japan“ oder so. Ist auf meiner ToDo-Liste sehr weit oben.

Vielleicht bin auch einfach zu nostalgisch. Ich schweife ab.

Anyway, es gibt so Momente wo man noch ein relativ „unberührtes“ Japan sieht. Das war einer. Exzellent!

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