Der Cola-Automat im Shinto-Schrein oder wie ich lernte, Kyoto zu lieben

Kyoto ist eine tolle Stadt, wenn man diese, speziell-japanische Fähigkeit hat, unbequeme Dinge aus seiner Wahrnehmung zu tilgen und sich nur ein auf eine bestimmte Sache zu konzentrieren. Ich rede vom sogenannten PAL-Feld, dem „Problem anderer Leute-Feld“. (somebody’s else problem)

Der Verrückte im Bus (ich berichtete). Der Hochspannungsmast auf dem Kinderspielplatz. Die Abtreibungsklinik quasi neben dem Supermarkt. Der Cola-Automat im Shinto-Schrein. Oder eben das Betonhochhaus im hübschen 50er Jahre „Bau auf“-Stil neben dem jahrhundertealten… naja theoretisch jahrhundertealten, aber vor 100 Jahren abgebrannten und neu errichtetem historisch wertvollem Tempel.

Japanische Städte sind einfach potthäßlich und obwohl ich jetzt hier schon einige Zeit lebe und mich mit vielem abgefunden, ja vieles sogar verstanden und akzeptiert habe, werde ich die Architektur immer abfällig und mitleidig betrachten, leidend, aber mehr bemitleidend, denn, dreht man’s wie man’s will: SIE HABEN ES JA NICHT ANDERS GEWOLLT.

Die Tempelanlagen, der historische Teil Kyotos ist wirklich wunderhübsch, aber anscheinend versucht man alles, um das in „rechte“ Licht zu bringen. Es gibt keinen Denkmalschutz in Japan, offensichtlich gibt es auch keine Raumplanung, gut, ich meine wir Deutschen sind ja weltweit bekannt dafür, uns manchmal etwas zu stark darauf zu fokussieren, trotzdem bricht es einem das Herz häßliche Betonbunker neben historische bedeutsamen Gebäuden zu finden. Und mehr noch nicht die Tatsache an sich, sonderen daß es nunmal niemanden stört, daß es außer mir niemand zu bemerken scheint.

Gut andere Ausländer, aber, ich meine, was bitte zählt schon die Meinung eines Ausländers? Die haben eh immer zu allem ’ne Meinung, und brabbeln die ganze Zeit von Walen, Wahlen und Politik und meistens immer dann, wenn man eigentlich gerade auf dem Weg ins Geschäft ist, weil doch die neue Gucci-Handtasche ab heute offiziell verkauft wird.

Wo war ich? Ausländer, genau.

Ich erinnere mich da an D., eine, mittlerweile in München promovierende Wissenschaftlerin aus Rumänien, die, als wir in K-Stadt aus dem Zug stiegen fragte:

„Sag mal Master Chief, sind die Leute hier sehr arm?“
„Wieso fragst Du?“
„Die Gebäude hier, die Läden… es sieht alles so trostlos, so schäbig aus…“
„Du kommst aus Rumänien!!!“
„Ja, ich meine wir hatten auch solche Gebäude vor der Wende, so quasi gestapelt gebaute…“
„Plattenbauten!“
„Genau“
„ABER DU KOMMST AUS RUMÄNIEN!!!“ [1]

Ich denke, der geneigte Leser wird aber jetzt verstehen, wie es für einen Europäer, der einfach optisch ansprechende Architektur gewohnt ist, wirkt. Wie gesagt, nichts ist dreckig, manchmal sind Dinge baufällig, oft aber nicht, aber immer sind die Gebäude schön häßlich.

Die Reaktion, wenn ich anderen Japanern sage, ich wohnte in K-Stadt ist: „Oh, das ist aber doch toll, wo K-Stadt doch soooo eine schöne Stadt ist“ (kireeeeeeeeeiiii)

Kurzum, worauf ich eigentlich hinaus will: Ich bin aufgebrochen nach Kyoto, die Stadt der Kaiser und Konkubinen und Geishas, die Stadt der Tradition, der Tempel und der Schreine, die Stadt der Kultur und der Religion.

Freundlicherweise haben die KK und ihr Ehemann Fremdenführer für mich gespielt, so daß ich doch so einiges besichtigen konnte. An dieser Stelle, wenn sie sich tatsächlich bis hierhin vorgekämpft haben und das Gossendeutsch, die schlechten Wortspiele und überhaupt, dann nochmal herzlichen Dank an dieser Stelle.

Kyoto ist auf jeden Fall einen Besuch wert, interessant und sehenswert.

Fotos im Fotobereich, wie immer.

[1] Ich bitte an dieser Stelle alle rumänischen Leser tiefst um Verzeihung aufgrund der Verbreitung der üblichen Klischees, insbesondere daß alle osteuropäischen Länder so aussehen würden, wie man sich denkt, daß osteuropäische Länder aussehen. Und aussahen.

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